23.01.2009

Der Schatzhüter

 







Eintrag: #074


Hier habe ich eine Zeichnung mit neun verschiedenen Tieren gefunden.

Sie war nicht versteckt, sondern versperrt – tief in meiner Schatzsammlung, gesichert mit sieben Siegeln.  Das Allerwertvollste muss man am besten schützen:

vor langen Fingern, wenn es teuer ist,

vor Stielaugen, wenn es besonders schön ist,

vor gierigen Mäulern, wenn es ein guter Braten wäre,

und vor durstigen Kehlen, wenn es etwas Trinkbares wäre.

Auch Geheimnisse bewahrt man unter sieben Siegeln der Verschwiegenheit.  Nur der Besitzer des Schatzes – des Bratens, des Weines oder, wie hier, der wunderschönen Bilder – kann seinen Reichtum wohlwollend teilen.  Ich besitze keinen großen Schatz, die Schönheit hat sich mir nie genähert, vom Braten sind nicht einmal mehr die Knochen da, und die gute alte Weinflasche hatte ohnehin nur ein einziges Siegel und war viel zu leicht zu öffnen.

Kann ich also gar nichts mit euch teilen?

Doch – ich glaube schon.  All diese Bilder, die ich euch in den letzten Wochen gezeigt habe, sind mein am besten gehüteter Schatz.

Fast dreißig Jahre lang habe ich als Schatzhüter auf sie aufgepasst. Selbst auf meiner weiten Reise habe ich sie mitgenommen und immer sorgfältig archiviert.  Ihr fragt, worum es sich handelt.

Ganz einfach:

Kinder Aquarelle/ damals 01
Kinder Aquarelle/ damals 02
Kinder Aquarelle/ damals 03
Kinder Aquarelle/ damals 04

sind Zeichnungen meiner Mutter – gemalt, als sie noch ein junges Mädchen war.  Sie hat sie mir vor langer Zeit anvertraut, damit ich ein Andenken an sie habe, wenn sie einmal nicht mehr bei uns ist.  Im Zeitalter des Internets habe ich mich entschlossen, diesen Schatz zu digitalisieren, einem kleinen Kreis zugänglich zu machen und so die Möglichkeit zu schaffen, dass die Bilder heruntergeladen und aufbewahrt werden können.

Damit wird meine verantwortungsvolle Aufgabe als Hüter erleichtert und die ständige Angst, sie könnten eines Tages verloren gehen, ein wenig kleiner.  Es fehlt nur noch ein letztes Bild – dann ist diese Serie beendet. Ich werde alle Bilder in Originalauflösung hochladen, damit die beste Qualität zum Herunterladen bereitsteht.  Eigentlich wollte ich von den Tieren sprechen, doch heute war mir das mit den sieben Siegeln wichtiger.

Ich schreibe eben immer, wie es mir aus dem Herzen kommt.  Die neun Tiere aber – jedes für sich so liebevoll und genau gezeichnet – erstaunen mich jedes Mal aufs Neue: Wie kann ein elfjähriges Mädchen so viel Leben in ein Bild malen?  Gefühl und Talent zusammen lassen diese stille Melodie erklingen. Auf einer höheren Ebene gibt es zwischen Farben und Musik ohnehin nur Unterschiede in der Frequenz – doch sie sagen dasselbe. Die Saiten schwingen im selben Klang.  Euer Indiana Jones –

der Schatzhüter im feucht-heißen, dampfenden Urwald von Paraguay. 

Don José



Titel Ein kleiner Zoo
Autor Theresia Bauer
Gezeichnet im Alter von 12
Jahr 1933
Land Österreich
 

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04.01.2009

Sol de Ñanduti











Eintrag: #072



Jetzt erzähle ich dir, wie angeblich diese wunderschöne Stickkunst in Paraguay entstanden ist.

Zuerst übersetze ich dir noch das Wort „Ñanduti“: Es bedeutet auf Guaraní so viel wie „Spinnennetz“.

Und wenn du genau hinschaust – jedes Muster hat tatsächlich kreisförmige Formen, genau wie ein Spinnennetz.  Wie immer gibt es Entstehungsgeschichten, Märchen oder Sagen. Genauso ist es mit dem Ñanduti.  Vor vielen Jahrhunderten lebte in Paraguay ein junger Cacique, ein Indianerführer. Er war jung, der Stärkste und Geschickteste – deshalb hatten ihn die Älteren zu ihrem Anführer gewählt.

Dieser Jüngling im Herzen des südamerikanischen Urwalds besaß viele Tugenden, aber auch einen Fehler: Er wollte alles haben, was ihm gefiel – und das geht, wie du weißt, nicht.  In seinem Dorf lebte eine Muchacha, ein Mädchen, das ihm so sehr gefiel, dass er Tag und Nacht an sie dachte. Er hatte sich richtig verliebt und wollte sie zur Frau nehmen.

Als er sie bat, mit ihm zu gehen und sein Leben zu teilen, dachte sie eine Weile nach und stellte ihm eine Bedingung:

Wenn er ihr etwas schenkte, was noch nie ein anderes Mädchen bekommen hatte – etwas ganz Besonderes –, dann würde sie Ja sagen.  Zum ersten Mal musste er etwas geben, um das zu bekommen, was er am meisten liebte.

Traurig und voller Angst, nichts Schönes finden oder machen zu können, ging er allein tief in den Urwald.  Nach einigen Tagen sah er auf einer Lichtung einen kleinen Kobold. Der Zwerg nahm die Sonnenstrahlen, die durch das Blätterdach fielen, und webte daraus mit unglaublicher Geschwindigkeit ein wunderbares, kreisförmiges Netz aus purem Licht.

Erschöpft legte sich der Kobold danach unter einen Farn in den Schatten und schlief ein.  Leise schlich sich der Cacique heran, nahm das leuchtende Netz und lief davon. Zuerst lachte er vor Freude – doch als er sich umdrehte, löste sich das Netz in einen langen Faden auf und entschwand ihm schließlich ganz.  Da kniete er nieder, weinte und flehte die Götter an – besonders den Gott des Donners und des Blitzes, den er verehrte und fürchtete:

Er wolle nie wieder etwas nehmen, was ihm nicht gehöre, wenn sie ihm nur etwas finden ließen, das er seiner Muchacha schenken dürfe.  In diesem Augenblick kam seine alte Mutter, die ihn schon gesucht hatte. Sie war weise, noch weiser als ihr Sohn. Er erzählte ihr alles: von der Muchacha, ihrem Wunsch und wie sich sein wunderbares Geschenk in nichts aufgelöst hatte.  Da begann die alte Indianerin, sich einige ihrer silbernen Haare auszurupfen. Mit diesen silbernen Fäden knüpfte sie – genauso schnell wie der Kobold – immer größere Kreise um kleinere Kreise, bis ein zauberhaftes Geflecht entstanden war.

Als die letzten Sonnenstrahlen des Tages darauf fielen, leuchtete es in allen Farben des Regenbogens.  Mit diesem Geschenk und seiner still lächelnden Mutter an der Seite kehrte der Cacique ins Dorf zurück. Er ließ das Mädchen rufen, überreichte ihr das leuchtende Netz – und vor Freude weinend nahm sie es an und gab ihm ihr Ja-Wort.  Später lehrte die Mutter ihre Schwiegertochter das Geheimnis des Stickens – diesmal mit weniger Eile und mit Fäden aus Baumwolle.  So entstand die Kunst des Ñanduti – das Spinnennetz aus Licht und Liebe. 

Don José




Wallpaper Sol de Ñanduti 1024x768


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Arbeit in Ñanduti






Eintrag: #073



Dieses Bild zeigt kein gemaltes Bild, sondern ein gesticktes Zierdeckchen aus Ñanduti.  Du fragst dich jetzt vielleicht: Was ist oder was bedeutet „Ñanduti“?

„Ñanduti“ ist ein Wort aus dem Guaraní, der Muttersprache vieler Paraguayer. Neben Spanisch (der offiziellen Landessprache) wird Guaraní von den meisten Menschen im Alltag gesprochen. Die indigenen Gemeinschaften halten besonders treu an ihrer Sprache fest und wählen auch heute noch ihre eigenen Caciques als Führer.  Die Paraguayer – sowohl die indigenen als auch viele andere – haben ein außergewöhnliches Talent für handgemachte Arbeiten. So entstehen wunderbare Kunstgegenstände, die jedoch alle für den täglichen Gebrauch gedacht sind.

Für ein einziges Stück werden oft hunderte Stunden geduldiger Kleinarbeit investiert.  Aus vorher eingefärbten Baumwollfäden wird das feine Netz geknüpft. Ist das Werk fertig, wird es aufgespannt und mit Stärke imprägniert, damit die filigranen Muster ihre Form behalten. 

Don José  






Ein wunderbarer Wallpaper gratis

Arbeit in Ñanduti – 1024×768 – 135,1 KB


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